Neurodivergenz ist kein Trend, sondern die Anerkennung unserer natürlichen Vielfalt. Jeder von uns nimmt die Welt anders wahr, verarbeitet Reize individuell und denkt auf ganz eigene Weise. Wenn wir von Neurodivergenz sprechen, feiern wir diese Einzigartigkeit – ohne die realen Herausforderungen auszublenden.
Die Ursprünge der Bewegung
Der Begriff entstammt der Neurodiversitätsbewegung. Neurodiversität wurde Ende der 1990er-Jahre von der australischen Soziologin Judy Singer geprägt. Sie lenkte den Blick weg von Defiziten hin zu einer soziologischen Perspektive: So wie biologische Vielfalt (Biodiversität) ein Ökosystem stärkt, so bereichert die Vielfalt menschlicher Gehirne unsere Gesellschaft. Daraus entstand eine Bürgerrechtsbewegung, die Akzeptanz statt Heilung fordert.
Während Neurodiversität alle Menschen einschließt, verdanken wir der Aktivistin Kassiane Asasumasu den Begriff neurodivergent. Wichtig zu wissen: Der Begriff kommt nicht aus der Medizin oder Psychologie, sondern entspringt einer sozialen und aktivistischen Haltung. Diese Haltung besagt, dass Menschen, die von neurologischen Normen abweichen, nicht automatisch „gestört“ oder „defekt“ sind. Asasumasu wollte ein inklusives Wort schaffen, das niemanden ausschließt. Neurodivergenz ist kein starres medizinisches Urteil, sondern ein gelebtes Selbstverständnis.
Die Gleichzeitigkeit der Perspektiven
Um Familien ganzheitlich zu unterstützen, sollten beide Perspektiven gleichwertig und gleichzeitig betrachtet werden.
- Der soziale Blick: Er zeigt uns, dass viele Barrieren erst durch eine starre, neurotypisch ausgerichtete Umwelt entstehen. Barrierefreiheit und Akzeptanz verändern hier Leben.
- Der medizinische Blick: Er bleibt dennoch essenziell. Er schenkt Betroffenen durch Diagnosen Klarheit und sichert den Zugang zu wichtiger Unterstützung.
Ressourcen stärken statt Defizite betonen
Familien brauchen diese medizinischen Fakten – aber ganz ehrlich: Sie wissen meist selbst am besten, wie herausfordernd der Alltag ist, weil sie tagtäglich damit konfrontiert sind. Sie permanent nur mit Störungsbildern und Defiziten zu überfrachten, hilft niemandem. Wir müssen den Blick auch auf Ressourcen und Stärken lenken.
Hier möchte das Projekt „Familien im Spektrum“ ansetzen und Familien und ihre Kinder auf ihrem Weg begleiten und unterstützen. Dazu findet ihr in unserem Angebot: Einzelberatungen, Austausch in unseren Elternkreisen, Workshops mit externen Fachpersonen und ein Bewegungsangebot ausgerichtet auf die Bedürfnisse eurer Kinder. Bei Fragen wendet euch an: familien-spektrum@mittelhof.org